Ich- ein anderer. Imre Kertész

Das grelle Morgenlicht in der Imbissstube der Graf-Starhemberg-Gasse. Die leichte Irrealität des Lebens, dieser lockere Humus, auf dem später die Erinnerungen wie flammender Mohn erblühen.

 

Die Welt nicht zu verstehen, bloß weil sie unverständlich sei, ist Dilettantismus. Wir verstehen die Welt darum nicht, weil das hienieden nicht unsere Aufgabe ist.

 

Alte Parteiführer äußern sich im Fernsehen. Sie „glaubten“ an die Partei. Sie „glaubten“, dass „Irrtümer“, „Fehler“ passiert seien, aber sie „glaubten“ zum Beispiel, dass „Stalin davon nichts gewusst“ habe. Usw. Doch wäre es falsch, anzunehmen, sie hätten solche Gemeinplätze nicht mit echten Inhalten, ihren sogenannten „Glauben“ nicht mit echten Gedanken oder Gefühlen verwechselt. Die daraus zu ziehende Lehre: diese Menschen haben ihr Leben auf einen falschen Gebrauch der Sprache gebaut. Schlimmer noch, sie haben diesen falschen Sprachgebrauch zum gültigen Konsens erhoben und haben bei ihrem Abgang lautre Sprachgeschädigte zurückgelassen, die nun dringend moralische Soforthilfe benötigen, da die durch den falschen Sprachgebrauch wertlos gewordenen, wie Papierfetzen zerfasernden Worte plötzlich ihre moralische Verletzungen zu enthüllen scheinen. Moralische Prothesen klappern, moralische Krücken knarren, moralische Rollstühle rollen, wohin ich auch blicke.

 

Wir sind uns einig, dass eine unheimliche Entwicklung ihre Schatten vorauswirft. Die Vorzeichen des Grauens sind überall und in allem erkennbar. Die rationale Sprache vermag diese Symptome nicht annähernd zu fassen. Man muss zu alten Sprachen greifen, zur Bibel, die von Satan weiß und das Weltende kennt.

 

Vergiß nicht den Traum, der dich wiedergeboren hat.

Vergiß nicht deine Eltern.

Vergiß nicht, dass du im tiefen Traum das von ihnen empfangene Leben angenommen hast.

Vergiß nicht das Versprechen, das dieses Leben birgt.

Vergiß nicht, daß dieses Versprechen an Bedingungen geknüpft ist, ja dass du die Einlösung dieses Versprechen einzig in der Erfüllung seiner Bedingungen suchen musst.

Du verlangst doch nicht etwa eine Zugabe?

 

 

 

Berlin, die wechselvolle Vereinigung der geteilten Stadt. Überhaupt verblüfft, dass die Vereinigung gar nicht erwünscht ist. Eine antikreative Erfahrung. Sie löst Wut aus, ohnmächtige Gereiztheit in Anbetracht der plötzlichen Raumausdehnung, der wachsenden Möglichkeiten, vor allem aber der drängenden, unaufschiebbaren Aufgaben. Ängstlich horcht das altersschwache Europa auf: Es hat sein seit Jahrzehnten verfolgtes angebliches Ziel erreicht, ist jetzt aber äußerst erpicht, alles abzuwehren, was ihm Taten abverlangen, was zum Nachdenken, zur Erneuerung, zur Kreativität anregen könnte. Das bärtige Europa gleicht einem alten Geizkragen, der dem Mädchen, das ihn bei der Damenwahl zum Tanz auffordert, einen Stockhieb versetzt, da er nur eines mutmaßt: man wolle sein Geld. In solcher Kleinkariertheit steckt die Vorahnung drohender Sklerose und des eigenen Endes.

 

Ihr verlangt doch nicht, dass ich meine nationale, konfessionelle und rassische Identität formuliere? Ihr verlangt doch nicht, dass ich eine Identität habe?

Ich verrate euch: Meine einzige Identität ist die des Schreibens. (Eine sich selbst schreibende Identität.)

Wer ich sonst bin? Wer wüsste es?

 

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